Sonntag, 17. Juli 2016

Jeder ist auf seine Weise gut genug und auch perfekt

Manchmal habe ich so viel zu sagen, aber wenn ich dann diese leere Seite vor mir sehe, ist wieder alles verschwunden. Vorhin habe ich mir wieder ein paar Gedichte von Julia Engelmann angehört. Vor allem "Stille Wasser sind attraktiv" rührt mich jedes Mal zu Tränen. Ich habe das Gefühl, sie spricht mir aus der Seele. Das dieser Text genau das zusammenfasst, was ich denke und wie ich mich fühle. Vorhin habe ich zum ersten Mal "Kein Modelmädchen" von ihr gehört und dieser letzte Satz "Jeder ist auf seine Weise gut genug und auch perfekt" ist mir einfach im Kopf geblieben. Ich finde ihn einfach so schön. Obwohl das Wort "Perfekt" drin vorkommt. Mein Hasswort Nummer 1. Ich verbinde mit diesem Wort nur negatives. Denn niemand ist perfekt oder wird jemals perfekt sein. "Perfekt" ist eine Lüge. Ich dachte nicht immer so. Früher wollte ich auch gerne "perfekt" sein. Die perfekte Tochter, die perfekte Freundin etc. Und dann ist meine beste Freundin, die ich seit dem Sandkasten kenne, krank geworden. Magersucht. Und zwar die ganze Pro Ana schiene. Mit Websites und Foren auf denen sie sich präsentiert hat. Mit Fotos auf denen man jede einzelne Rippe sehen konnte. Mit Challenges und Kalorientabellen. Irgendwann auch mit Bulimie und Abführmitteln. Und immer war ihr Ziel "perfekt" zu sein. Sie wollte so gerne perfekt sein, dass sie sich dafür fast zu Tode gehungert hat. Ich habe ihren ganzen Selbstzerstörungstrip von Anfang bis Ende mitbekommen. Damals waren wir fast sechzehn und gingen in die 10. Klasse, saßen oftmals nebeneinander. Ich mache mir heute noch Vorwürfe, weil ich es nicht früh genug erkannt habe. Damals wusste ich zwar, dass sie etwas abnehmen will, aber welches Mädchen war in dem Alter mit seinem Körper zufrieden. Ich dachte, es ginge nur um 2-3 Kilo. Nicht um 10-15. Zwar weiß ich, dass ich nichts dagegen unternehmen konnte, aber dieser Zweifel, ob frühes eingreifen nicht schlimmeres hätte verhindern können, wird mich wahrscheinlich niemals verlassen. Es war eine furchtbare Zeit, die sehr an unserer Freundschaft gezerrt hat und die ich nie wieder erleben will. Als sie dann ihrer ersten großen Liebe begegnete, ging die Magersucht Schritt für Schritt.

Aber jetzt scheint sie sich langsam wieder in ihren Kopf zu schleichen.

Und ich habe furchtbare Angst davor. Ich will nicht wieder so eine Angst um sie haben müssen, ihr dabei zusehen müssen, wie sie sich selbst Steine in den Weg legt. Ich will nur, dass sie sich selbst liebt. Auch wenn ich mich selbst nicht lieben kann. Ich wünsche mir einfach nur, dass sie glücklich und zufrieden ist. Aber im Moment hat sie viel Stress und es lastet vieles auf ihren Schultern. Das öffnet "Ana" wieder neue Türen. Das war auch der ausschlaggebende Punkt, warum ich wieder bloggen wollte. Ich muss meine Gedanken einfach loswerden, muss darüber schreiben, was mich belastet. Und vielleicht liest es ja jemand, dem es ganz ähnlich geht.

Eins weiß ich jedenfalls ganz genau:

Egal wie schlimm es werden mag, ich werde immer für sie da sein. 

Ich hoffe, dass es momentan nur eine Phase ist. Aber wenn es sich wieder voll entwickeln sollte, werde ich sie unterstützen, wo ich nur kann, die Magersucht erneut zu besiegen.

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